Sarinas großer Lauf: Vier Kilometer Selbstbestimmung

Freitagabend.

Eine Nachricht von Sarina erscheint in unserem Familienchat.

Ein Bild von Pfannkuchenteig mit dunkler Schokolade. Darüber ihre Worte:

„Breakfast for Champions.“

Ich wundere mich. Was hat sie vor? Breakfast for Champions?

Dann erfahren Jochen und ich ganz nebenbei: Unsere Tochter nimmt morgen am Stadtlauf in Schrobenhausen teil.

Morgen.

Sie hat einen Aushang gesehen. Sich spontan entschieden. Sich selbst angemeldet. Für vier Kilometer Nordic Walking.

Einfach so.

Ohne uns zu fragen.
Ohne unsere Hilfe.
Ohne dass wir überhaupt davon wussten.

Am nächsten Morgen folgt ein Foto der fertigen Pfannkuchen.

„In einer Stunde geht’s los.“

Mein Herz macht einen Sprung.

Ihr Wunsch. Ihre Entscheidung. Ihr Weg.

Wieder einmal überrascht uns Sarina. Die Frage: “Hat sie das alles alleine organisiert?” Stelle ich mir nicht mehr. Ihre Abenteuer haben uns schon immer sprachlos gemacht. Ja, sie hat das alles alleine organisiert. 

Am Freitag entdeckt sie den Aushang. Sie meldet sich an. Am Abend informiert sie ihr Team  und bittet darum, am nächsten Morgen rechtzeitig geweckt zu werden. 

Was selbstverständlich klingt, ist für Sarina ein großer Schritt. Früher handelte sie spontan und ganz auf ihr Ziel fokussiert, ohne zu spüren, dass andere sich sorgen könnten. Gleichzeitig musste sie erst darauf vertrauen lernen, dass sie durch das Mitteilen nicht ausgebremst wird.

Genau daran hat ihr Team mit ihr gearbeitet: begleiten, ohne ihre Freiheit einzuschränken.

Diesmal sagt Sarina Bescheid und holt sich selbst die Unterstützung, die sie braucht.

Sie bereitet ihr Frühstück vor.

Sie kümmert sich um den Weg. Um ihr Outfit. Um ihre Wasserflasche.

Alles liegt bereit.

Das Team bleibt im Hintergrund. Genau dort, wo Unterstützung für Sarina wertvoll ist. Es hilft ihr bei der Pünktlichkeit und wird später zu ihrem Fanclub an der Strecke.

„Sarina, go!“

Dann geht sie los.

Vier Kilometer.

Und sie kommt an.

Was diese vier Kilometer wirklich erzählen

Sarina kam vier Monate zu früh zur Welt. Ihre Lunge trägt bis heute die Folgen. Ungefähr 40 Prozent Lungenkapazität.

Und doch geht sie diese vier Kilometer.

Das berührt mich. Natürlich.

Aber es ist nicht die körperliche Leistung, die diesen Tag so groß macht.

In meinem Buch erzähle ich von einer Laufgruppe der Special Olympics, der wir während der Pandemie begegnen. Jeden Montagabend trainieren wir. Ich laufe meine Runden. Sarina ihre.

Damals meisterte sie ihre ersten fünf Kilometer.

Ein unfassbarer Moment. Für sie und für uns.

Sie wusste also bereits, dass sie eine solche Strecke bewältigen kann.

Doch diesmal ist etwas anders.

Diesmal bin ich nicht dabei.
Ich motiviere sie nicht.
Ich melde sie nicht an.
Ich plane nichts.

Es ist ihr Wunsch.

Ihre Entscheidung.

Ihre Umsetzung.

Und genau darin liegt der Meilenstein.

Selbstständigkeit sieht manchmal aus wie Pfannkuchen

Selbstverantwortung. Zuverlässigkeit. Zeitmanagement.

Große Worte für Dinge, die im Alltag oft ganz klein aussehen.

Wie ein Pfannkuchenteig, der am Vorabend bereitsteht.

Wie eine Bitte an das Team: Weckt mich morgen rechtzeitig.

Wie eine Wasserflasche, an die gedacht wurde.

Wie die Entscheidung: Da will ich mitmachen.

In meinem Buch schreibe ich über Sarinas Weg in die Selbstständigkeit. Über meine Sorge, meine Zweifel und diesen schmerzhaften Sprung vom Festhalten ins Vertrauen.

Ich schreibe auch:

Freiheit bedeutet für sie nicht, ohne Hilfe zu sein.
Freiheit bedeutet: Sie darf ihr Leben leben –
begleitet und dennoch ganz sie selbst.

Genau das lebt sie an diesem Samstag.

Sie macht nicht alles allein.

Sie muss es auch nicht.

Sie erkennt, wobei sie Unterstützung braucht, und bittet darum. Das Team übernimmt ihren Plan nicht. Es hilft ihr, ihn selbst umzusetzen.

“With a little help from my friends.”

Nicht über ihr. Nicht vor ihr. An ihrer Seite.

Das ist Begleitung auf Augenhöhe.

Loslassen, Manuela

35 Jahre lang habe ich Verantwortung für Sarinas Alltag und ihre Zukunft getragen.

Ich habe organisiert, erinnert, vorausgedacht. Geführt. Gehalten.

Aus Liebe.

Und oft auch aus Angst.

Angst will schützen. Ich kenne ihre Stimme gut. Sie zeigt mir jede Gefahr, lange bevor überhaupt feststeht, ob sie eintreten wird.

Was, wenn etwas schiefgeht?
Was, wenn Sarina sich überschätzt?
Was, wenn niemand da ist?

Doch Angst darf mitgehen. Sie darf nur nicht immer die Führung übernehmen.

Manchmal besteht meine innere Arbeit darin, sie zu hören und trotzdem loszulassen.

“Loslassen, Manuela.”

Nicht wegsehen.

Nicht aufhören zu lieben.

Sondern Sarina zutrauen, dass sie ihren eigenen nächsten Schritt findet.

Und dann meldet sich meine Tochter an einem Freitag selbstständig für einen Stadtlauf an.

Vielleicht ist das ihre Antwort auf all meine früheren Fragen.

Eine Gesellschaft, die Möglichkeiten sieht

Dieser Tag erzählt auch von den Menschen in Sarinas besonderer Wohnform. 

Von einem Team, das sich nicht sagt: “Das kann sie nicht alleine” 

Sondern:

“Was braucht sie, damit es gelingen kann?”

Ein rechtzeitiges Wecken.

Ein wenig Struktur im Hintergrund.

Und später Stimmen am Straßenrand:

„Sarina, go!“

Mehr nicht.

Und doch genau genug.

So fühlt sich Inklusion für mich an.

Sarina wird nicht nur versorgt. Sie wird gesehen.

Als erwachsene Frau mit eigenen Wünschen, ungewöhnlichen Ideen, Stärken, Grenzen und dem Recht, ihr Leben mitzugestalten.

Sie darf selbst entscheiden.

Sie darf Unterstützung brauchen.

Sie darf Erfolg erleben.

Sie darf stolz auf sich sein.

Und sie darf ganz selbstverständlich Teil ihrer Stadt sein. Mitten unter den anderen Menschen an der Startlinie.

Der Stolz gehört ihr

Als Jochen die Bilder sieht, laufen ihm die Tränen über das Gesicht.

Glück.

Stolz.

Vielleicht auch all die Jahre, die in diesem einen Augenblick zusammenkommen.

Das winzige Mädchen im Inkubator.
Die Unsicherheit.
Die Atemübungen.
Seifenblasen und Pusteblumen.
Die ersten Laufrunden.
Die ersten fünf Kilometer.
Der Umzug nach Schrobenhausen.
Ihre eigene Wohnung.
Und jetzt dieser Stadtlauf.

Ich bin stolz auf sie.

Doch das Schönste ist: Sarina ist stolz auf sich selbst.

Sie spürt es.

Ich wollte das.
Ich habe es organisiert.
Ich bin losgegangen.
Ich bin angekommen.

Dieser Stolz gehört ihr.

Vier Kilometer auf ihrem eigenen Weg

Am Ende bleiben vier Kilometer Nordic Walking.

Eine Urkunde.

Bilder von Menschen, die Sarina anfeuern.

Und ein Familienchat mit Pfannkuchen.

Doch für Jochen und mich bleibt noch etwas anderes:

Die Gewissheit, dass Sarina ihren Weg geht.

Nicht ohne Unterstützung.

Aber selbstbestimmt.

Nicht frei von Herausforderungen.

Aber frei, eigene Entscheidungen zu treffen.

Wir begleiten sie mit unserem Licht, damit ihr eigenes heller leuchten kann.

Und manchmal bedeutet gute Begleitung, einen Schritt zurückzutreten und staunend zuzusehen, wie der andere losgeht.

Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Reise dieses Buches.

Ein Moment, der bleibt

Das Schönste an diesem Lauf war, dass Sarina selbst entschieden hatte, loszugehen.

In meinem Buch „Schicksal für immer? Raus aus der Ohnmacht! Ab jetzt unverletzbar glücklich.“ erzähle ich von unserem Weg vom Festhalten ins Vertrauen.

In den Kapiteln „Die Krönung – und der Verlust“ und „Sarinas Welt – Dem Leben entgegen“ schreibe ich über ihre ersten fünf Laufkilometer, ihren Weg nach Schrobenhausen, die Menschen an ihrer Seite und die vielleicht größte Aufgabe für uns als Eltern: unserem Kind ein eigenes Leben zuzutrauen.

Mehr über das Buch erfahren

Glückliche Grüße 🩷

Deine Manuela

PS: Diese Geschichte ist Teil meines Buches „Schicksal für immer?“ –

eine biografische Reise über Annahme, Stärke und Liebe unter besonderen Bedingungen.

Hier findest du mehr Informationen: www.manuelarohr.com/buch 

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