Trauer nach Jahren: Warum Heilung nicht bedeutet, nichts mehr zu spüren

Bei meiner ersten Lesung am 07.07.2026 gab es einen Moment, in dem sich die Atmosphäre im Raum veränderte.
Ich begann, den Prolog meines Buches zu lesen. Ich erzählte von dem Augenblick, in dem ich mein Kind fast verloren hätte. Von der Angst, der Ohnmacht und dem Moment, in dem unser bisheriges Leben aufhörte, so weiterzugehen, wie wir es geplant hatten.
36 Jahre sind seitdem vergangen.
Und doch stockte meine Stimme.
Für einen Moment berührte mich der Schmerz dort, wo er in mir seinen Platz hat. Im Raum wurde es still. Als ich von meinem Buch aufblickte und in die Gesichter der Menschen schaute, sah ich ihre Berührtheit. In manchen Augen standen Tränen.
Nach der Lesung fragte mich jemand eine Zuhörerin:
„Geht das jemals vorbei?“
Ja, ich kannte diese Frage. Mein Kopf bewegte sich leicht von rechts nach links, noch bevor meine Stimme die Antwort gab:
Nein. Es geht nicht vorbei. Es gehört zu uns. Aber es verändert seine Macht. Es erschlägt uns nicht mehr. Es berührt uns, es erinnert uns. Und es darf seinen Platz haben.
Warum soll ich das nicht mehr spüren?
Was damals geschehen ist, gehört zu mir.
Es hat mein Leben verändert, meine Familie geprägt und meinen Blick auf die Welt geweitet. Warum sollte ich darüber sprechen können, ohne dass sich in mir etwas bewegt?
Wir scheinen stillschweigend davon auszugehen, dass schmerzhafte Gefühle irgendwann verschwinden müssen. Bei Liebe würden wir kaum fragen: „Ist das denn immer noch da?“ Auch Dankbarkeit und Freude dürfen uns ein Leben lang begleiten.
Warum geben wir ausgerechnet der Trauer ein Verfallsdatum?
Für mich bedeutet Heilung nicht, dass eine Erfahrung irgendwann nicht mehr wehtut. Ich darf auch nach 36 Jahren traurig werden und trotzdem heil sein.
Ich habe erfahren, dass Trauer und Freude nebeneinander leben können. Wie Geschwister, die einander Raum geben und füreinander da sind.
Das Stocken meiner Stimme an diesem Tag ist kein Zeichen dafür, dass die Wunde noch offen ist. Es zeigt, dass das, was zu meinem Leben gehört, mich weiterhin berührt. Dass ich ganz bei mir bin, nicht verdränge und nichts verstecken muss von dem, was mich für immer geprägt hat.
Heilung und Berührbarkeit schließen sich nicht aus
Für mich könnte Heilung bedeuten:
Ich kann zurückschauen, ohne wieder dort leben zu müssen.
Ich kann die Traurigkeit spüren, ohne von ihr verschlungen zu werden.
Ich kann erzählen, was geschehen ist, und weiß gleichzeitig: Heute bin ich hier. Ich stehe vor diesen Menschen. Meine Tochter lebt. Unser Leben ist anders geworden, als wir es uns damals vorgestellt hatten. Und es ist ein Leben, das ich von Herzen liebe.
36 Jahre sind eine lange Zeit. Doch wenn ich den Prolog lese, weiß mein Körper für einen Moment wieder sehr genau, was damals auf dem Spiel stand.

Ich muss meinem Körper diese Reaktion nicht abtrainieren.
Frei sein bedeutet für mich nicht, mich von dem zu entfernen, was ich erlebt habe. Vielleicht darf es mich weiterführen, mein Herz öffnen und meinen Blick weiten, was größer ist.
So kann meine Geschichte auch anderen Menschen etwas geben.
Trauer ist nicht das Gegenteil von Lebensfreude
Ich möchte nicht weniger fühlen. Ich möchte weiter fühlen können.
Trauer und Lebensfreude sind keine Gegenspielerinnen. Beide können gleichzeitig in mir wohnen.
Ich kann über meine Tochter sprechen und traurig werden. Wenig später kann ich aus vollem Herzen lachen. Das Lachen macht die Trauer nicht weniger wahr. Und die Trauer nimmt dem Lachen nicht seine Aufrichtigkeit.
Für mich gehört genau das dazu, Traumtänzerin zu sein: das Leben nicht danach zu sortieren, welche Gefühle willkommen sind und welche endlich verschwinden sollen.
Das ganze Leben darf da sein:
Freude und Trauer.
Verlust und Dankbarkeit.
Vergangenheit und Gegenwart.
Es ist kein Entweder-oder.
Es ist ein Und.
Ich möchte gar nicht erzählen können, wie ich mein Kind beinahe verloren hätte, ohne dass sich etwas in mir bewegt. Für mich wäre das nicht automatisch Heilung.
Mein Ziel ist nicht, weniger zu spüren. Mein Ziel ist, keine Angst mehr vor dem zu haben, was ich spüre.
„Akzeptieren und glücklich sein – wie soll das gehen?“
Vor einiger Zeit bat mich eine Leserin um ein Gespräch. Sie hatte in kurzer Zeit schwere Verluste erleben müssen.
Sie sagte:
„Akzeptieren? Das fällt mir unfassbar schwer. Und glücklich sein?
Das gelingt mir noch nicht. Wie soll das gehen?
Und die Frage darf zunächst genauso stehen bleiben.
Denn wenn ein Mensch mitten in tiefer Trauer ist, kann die Vorstellung, wieder glücklich sein zu sollen, viel zu groß sein. Glücklichsein in diesem Moment überhaupt nicht die Aufgabe.
Der nächste Schritt beginnt oft viel kleiner.
Wir sollten uns zunächst nicht fragen, wie wir jemals wieder glücklich werden können.
Sondern uns die Frage stellen:
Was brauche ich jetzt?
Und der erste Schritt kann sein, eine kleine Tür einen Spalt weit zu öffnen, um etwas Licht hereinzulassen. Dabei darf ich liebevoll mit mir selbst sein und anerkennen, dass mir genau das gerade noch nicht gelingt.
Auch das Schwere annehmen zu lernen
Akzeptanz bedeutet nicht, dass wir gutheißen müssen, was geschehen ist.
Sie verlangt auch nicht von uns, sofort mit allem im Reinen zu sein.
Manchmal beginnt Akzeptanz mit dem Satz:
„Ich akzeptiere, dass es mir gerade noch sehr schwerfällt.“
Auch das darf angenommen werden: der Widerstand, die Wut, die Traurigkeit und das Gefühl, noch nicht so weit zu sein.
Es ist keine Schwäche, wenn Akzeptanz schwerfällt. Und es gibt keinen Zeitplan, nach dem wir an einem bestimmten Punkt angekommen sein müssen.
Wir müssen nicht das gesamte weitere Leben auf einmal annehmen. Für den Moment reicht vielleicht dieser eine Augenblick.
Kann ich wahrnehmen, wie es mir jetzt gerade geht?
Kann ich einen Atemzug lang mit diesem Jetzt sein?
Auch die Traurigkeit darf Teil dieses Augenblicks sein. Ich muss sie nicht verdrängen, damit daraus ein guter oder wertvoller Moment werden kann.
Was würde der Mensch, der dich liebt, sich für dich wünschen?
Im Gespräch stellte ich der Leserin eine Frage:
„Was würde ein Mensch, der dich liebt, sich heute für dich wünschen?“
Zuerst kamen die Tränen.
Die Frage nahm das Schwere nicht. Aber zwischen den Tränen entstand ein neuer Gedanke: Vielleicht darf ein leichter Moment da sein, ohne dass dadurch die Bedeutung dessen, was war, kleiner wird.
Wir dürfen bewahren, was uns wichtig ist und uns trotzdem wieder für das Schöne öffnen.
Vielleicht darf beides nebeneinander existieren.
Kleine Inseln mitten in der Trauer
Selbst mitten in schweren Zeiten können kleine Inseln entstehen.
Ein Sonnenstrahl auf der Haut.
Eine warme Tasse Kaffee.
Ein ehrliches Gespräch.
Eine Blume am Wegesrand.
Ein Lachen, das plötzlich geschieht.
Ein Moment, in dem der Körper ein wenig loslässt.
Das muss noch nicht Glück heißen.
Vielleicht ist es zunächst einfach ein Augenblick, der ein kleines bisschen leichter ist.
Eine Tiny Island.
Sie soll die Trauer nicht ersetzen. Sie verlangt nicht, dass wir uns ablenken oder etwas Schönes über unseren Schmerz legen.
Sie schafft einen kleinen Raum, in dem neben der Trauer auch etwas anderes sein darf.
Nicht statt ihr.
Neben ihr.
Ein Tiny Island Ritual für diesen Augenblick
Wenn dir schon die Vorstellung, wieder glücklich sein zu sollen, zu groß erscheint, findest du in meinem Buch auf Seite 29 eine kleine Übung, eine meiner Tiny Islands “Die stille Minute”.
Dabei musst du nichts verändern und kein bestimmtes Gefühl herstellen.
Du darfst zunächst wahrnehmen:
Was ist jetzt gerade da?
Und gibt es in diesem Augenblick etwas Kleines, das dich trägt, beruhigt oder für einen Moment mit dem Leben verbindet?
Vielleicht ist es nur ein Atemzug. Ein Geräusch, ein vertrauter Gegenstand oder das Licht, das durch dein Fenster fällt. Es kann deine Hand auf deinem Herzen, die deinen Herzschlag spürt und dich für einen Moment daran erinnert, dass da noch etwas in dir schwingt.
Du musst nicht aus der Trauer herauskommen, um das Leben wiederzufinden.
Manchmal taucht das Leben mitten in ihr auf.
Warum soll das weggehen?
Wenn meine Stimme bei einer Lesung stockt, erinnert sie mich an die Bedeutung dieser Geschichte.
Ich bin nicht dort geblieben. Aber das Erlebte bleibt ein Teil von mir.
Es hat mich verletzt, verändert und geführt. Es hat meinen Blick für das Leben geschärft und mich gelehrt, wie nah Trauer und Freude beieinanderliegen können.
Heilung ist für mich nicht daran zu erkennen, dass uns das Schwere irgendwann nicht mehr berührt.
Vielleicht zeigt sie sich darin, dass wir alles fühlen dürfen, ohne uns selbst darin zu verlieren.
Dass wir traurig sein und trotzdem lieben können.
Dass wir weinen und wenig später wieder lachen dürfen.
Dass ein schwerer Augenblick da sein kann und sich direkt daneben eine kleine Insel zeigt.
Oder, wie Goethe in seinem Gedicht „Vermächtnis“ schrieb:
„Der Augenblick ist Ewigkeit.“
Mein Schicksal ist Teil meiner Geschichte. Doch es muss nicht jeden weiteren Augenblick bestimmen.

Glückliche Grüße 🩷
Deine Manuela
PS: Diese Geschichte ist Teil meines Buches „Schicksal für immer?“ –
eine biografische Reise über Annahme, Stärke und Liebe unter besonderen Bedingungen.
Hier findest du mehr Informationen: www.manuelarohr.com/buch
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