Älter werden: Ich will nicht jünger aussehen. Ich will lebendig sein.

„Wie alt bist du?“
Ich nenne mein Alter. (Ich bin 70)
Ein kurzer Moment der Stille. Ein ungläubiger Blick. Dann folgen meistens dieselben Fragen:
„Wirklich?“
„Wie machst du das?“
„Welche Creme benutzt du?“
Ich schmunzle darüber.
Denn ich habe noch nie einen Gedanken daran verschwendet, jünger aussehen zu wollen.
Nicht, weil ich mich jeden Morgen vor den Spiegel stelle und alles liebe, was ich dort sehe.
Ich erinnere mich noch ziemlich genau an diesen Moment in meinen Vierzigern. Ich war in einer dieser Yogaübungen – falls ihr Yogis seid, kennt ihr sie: der herabschauende Hund. Man hat dabei einen erstaunlich guten Blick auf die eigenen nackten Oberschenkel. Und ich fragte mich ernsthaft: Wo kommen denn all diese Runzeln her?
Ich habe mich gewundert. Aha. Ich werde älter? Und dann habe ich mein Leben weitergelebt.
Das heißt nicht, dass mir Veränderungen gleichgültig wären. Und auch nicht, weil ich dem Älterwerden nur schöne Seiten abgewinnen könnte.
Mein Leben hatte einfach andere Aufgaben für mich.
Diese Frage war nie groß genug.
Mein Leben hat mich vor Fragen gestellt, die keinen Platz für Oberflächlichkeiten ließen.
Wird mein Kind leben?
Wie gehen wir als Familie weiter, wenn unser Plan A nicht mehr existiert?
Wie finde ich Vertrauen, während die Angst neben mir sitzt?
Wie kann ein Leben aussehen, das ganz anders geworden ist, als ich es mir vorgestellt hatte?

Neben all dem war die Frage, wie ich jünger aussehen könnte, nie groß genug, um mein Leben zu bestimmen.
Das Leben hat Spuren hinterlassen. In meinem Herzen. In meinem Körper. In meinem Blick auf die Welt.
Manche davon sind sichtbar. Andere kenne nur ich.
Ich muss diese Spuren nicht verstecken. Ich muss sie aber auch nicht schönreden. Sie sind da, weil ich gelebt habe.
Weil ich geliebt habe.
Weil ich Angst hatte.
Weil ich Entscheidungen getroffen, festgehalten und losgelassen habe.
Weil aus Plan A ein Plan B wurde und ich lernen durfte, auch dieses Leben zu lieben.

Was bedeutet es, lebendig zu sein?
Ich möchte nicht jünger aussehen.
Ich möchte lebendig sein.
Aber was bedeutet das eigentlich?
Für mich bedeutet es, noch immer staunen zu können. Einen Baum anzusehen und für einen Moment alles andere zu vergessen. Den Wind auf meiner Haut zu spüren. Laut zu lachen. Traurig zu werden, wenn mich eine Erinnerung berührt.
Es bedeutet, neugierig zu bleiben.
Mich nicht aus meinem eigenen Leben zurückzuziehen, nur weil eine bestimmte Zahl auf meinem Geburtstagstisch steht.
Es bedeutet auch, Verantwortung für mich zu übernehmen. Hinzuhören, wenn mein Körper eine Pause braucht. Mich zu bewegen, weil ich mich in mir zu Hause fühlen möchte. Grenzen zu setzen. Um Hilfe zu bitten. Und manchmal etwas zu wagen, obwohl ich nicht weiß, ob es gelingen wird.
Lebendig sein heißt für mich nicht, immer glücklich zu sein.
Es heißt, anwesend zu sein.
Mit allem, was gerade da ist.
Wer bekommt das Mikrofon?
In unserem Kopf leben viele Stimmen.
Da sind die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie eine Frau in einem bestimmten Alter aussehen, sich kleiden oder verhalten sollte.
Da sind alte Sätze, die wir irgendwann übernommen haben.
Die Selbstkritik.
Der Vergleich.
Die Stimme, die sagt:
„Das kannst du in deinem Alter doch nicht mehr machen.“
Oder:
„Du solltest dich langsam damit abfinden.“
Manche dieser Stimmen sind sehr laut. Aber nur weil eine Stimme laut ist, sagt sie noch lange nicht die Wahrheit.
Deshalb frage ich mich:
Wer bekommt heute das Mikrofon?
Die Angst?
Die Erwartungen anderer?
Mein kritischer Blick in den Spiegel?
Oder die Liebe zu mir?
Vielleicht kann ich nicht verhindern, dass all die anderen Stimmen auftauchen. Aber ich kann entscheiden, welcher ich zuhöre. Welche mich führt. Und welche nicht länger mein Leben bestimmen darf.
Liebe zu mir ist kein Zustand
Selbstliebe wird manchmal dargestellt, als wäre sie ein Ziel, das wir irgendwann erreichen.
Dann wachen wir morgens auf, schauen in den Spiegel und lieben plötzlich alles an uns.
Ich glaube nicht, dass es so funktioniert.
Liebe zu mir ist für mich kein dauerhafter Zustand.
Sie ist Verantwortung.
Sie zeigt sich darin, wie ich mit mir spreche, wenn etwas nicht gelingt. Ob ich meinen Körper bekämpfe oder ihm zuhöre. Ob ich mich ständig antreibe oder mir erlaube, müde zu sein.
Sie zeigt sich auch darin, ob ich meine eigenen Wünsche noch ernst nehme.
Ob ich mir erlaube, sichtbar zu bleiben.
Ob ich das Leben auf irgendwann verschiebe – oder mich heute frage:
Was bringt mich zum Leuchten?
Ich staune immer wieder darüber, wie sehr mein Soulword, mein Seelenwort für 2026, inzwischen Teil meines Lebens geworden ist: Unverhüllt.
Für jedes Jahr wähle ich ein Wort, das mich begleitet und mich immer wieder daran erinnert, wie ich leben möchte.
Und heute sehe ich, wie sehr es sich erfüllt. In meinem Buch. In meinem Sichtbarwerden. Darin, ehrlicher mit mir selbst zu sein und nichts Wesentliches von mir wegzulassen.
Und weil ich diese Erfahrung so liebe, begleite ich auch andere dabei, ihr eigenes Seelenwort zu finden. Im Januar ist es wieder so weit. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Ich muss nicht jeden Teil meines Körpers jeden Tag schön finden, um liebevoll mit mir umzugehen.
Ich muss nicht jede Narbe bewundern.
Aber ich kann aufhören, mich wie meine eigene Gegnerin zu behandeln.
Mein Körper ist kein Defizit
Mein Körper verändert sich.
Natürlich tut er das.
Er trägt die Jahre, die Geschichten und die Erfahrungen meines Lebens. Er hat mich durch Nächte getragen, in denen ich nicht wusste, wie der nächste Morgen aussehen würde. Er hat Angst ausgehalten, Hoffnung gespürt und unzählige Male wieder Kraft gefunden.
Dieser Körper ist kein Defizit, das ich korrigieren muss.
Er ist das Zuhause meines Lebens.
Vielleicht kann er heute manches nicht mehr wie früher. Vielleicht braucht er mehr Aufmerksamkeit, mehr Pausen oder eine andere Form von Fürsorge.
Doch weniger jung bedeutet nicht weniger wertvoll.
Und älter zu werden bedeutet nicht, langsam aus dem eigenen Leben zu verschwinden.
Vielleicht bedeutet es sogar, tiefer darin anzukommen.
Ich verbeuge mich vor meinem Leben
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich oft zuerst die Momente, die tiefe Spuren hinterlassen haben.
Die Risse.
Die Narben.
Die Wege, die ich niemals freiwillig gewählt hätte.
Und gleichzeitig sehe ich die hellen Momente.
Ich sehe Plan A und all die Plan-B-Momente, aus denen dennoch ein Leben entstanden ist, das ich lieben darf.

Und ich verbeuge mich davor.
Nicht aus Unterwerfung und auch nicht, weil alles gut war. Dem Schweren muss ich nachträglich keinen goldenen Rand geben.
Ich verbeuge mich vor meinem Leben, weil es meines ist.
Mit Dankbarkeit, mit Respekt und mit Demut.
Und mit der Entscheidung, es nicht kleiner zu machen, als es ist.
Ich möchte ohne Bedauern leben. Ich möchte staunen, fühlen, lernen und mich immer wieder überraschen lassen.
Bis zur letzten Minute.
Ich will nicht jünger aussehen.
Ich will lebendig sein.
Glückliche Grüße 🩷
Deine Manuela
PS: Diese Geschichte ist Teil meines Buches „Schicksal für immer?“ –
eine biografische Reise über Annahme, Stärke und Liebe unter besonderen Bedingungen.
Hier findest du mehr Informationen: www.manuelarohr.com/buch
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